[Hinter den Kulissen] die Geschichte des schwarzen Monsters - Wie Kinder die Demenz wahrnehmen


Warum mir das Thema Nähen für Demenzpatienten am Herzen liegt, dass erzählt diese kleine Geschichte


Sie war 7 Jahre alt und freute sich auf die ersten großen Ferien seit ihrer Schuleinführung - die Sommerferien. Die Sommerferien durfte sie bei ihren Großeltern auf dem Land verbringen.
Der Bauernhof ihrer Großeltern war das Paradies auf Erden für sie - mit dem Hund über Wiesen und Felder rennen, Hühner jagen, KaninchenBabies beim rumtoben beobachten, mit dem Opa jeden Tag die Tiere füttern, der Oma beim kochen zuschauen, an heißen Sommertagen in einer riesigen Zink-Badewanne im Garten planschen....
Die Sommerferien vergingen wie im Flug.

In den Herbstferien sollte sie wieder zu ihren Großeltern fahren.
Doch etwas war anders. Die Oma schien oft teilnahmslos, ließ immer öfters das Essen anbrennen, machte ohne Ankündigung lange Spaziergänge und wurde an manchen Tagen sogar von einen der Dorfbewohner nach Hause gebracht. (Im Nachbardorf hatte man die Oma orientierungslose über Felder laufen sehen und daraufhin nach Hause gebracht.)

Sie sah Trauer und Sorge in den Augen ihres Großvaters. Für sie war er immer ein starker und lebensfroher Mann. Doch er wirkte mehr und mehr erschöpft und machtlos.

Irgendetwas lag in der Luft. Das spürte sie. Die Erwachsenen verhielten sich komisch. Als hätten sie etwas zu verbergen.

Einige Monate später erklärten ihre Eltern ihr, dass Oma und Opa nicht mehr allein wohnen können - sie seien alt und könnten den Haushalt und die Tiere nicht mehr versorgen. 
Der Bauernhof und die Tiere sollten verkauft werden. Der Opa sollte zu ihren Onkel ziehen. Die Oma sollte bei ihr und ihren Eltern einziehen.  
Sie wusste nicht was sie davon halten sollte. Sie wusste nicht was sie fühlen sollte. Alles war irgendwie leer, farblos, still. 

Den Ort, den sie so sehr liebte, gab es nicht mehr.
Ihre Großeltern gab es nicht mehr. 
Das einzige was ihr blieb waren die Erinnerungen und der Hund der Großeltern. (Der zusammen mit der Oma bei ihr einzog.)
Ein Hund mit dem sie aufgewachsen war. Ein Hund der sie bisher vor allen Gefahren beschützte. Ein Hund mit dem sie sich wortlos verstand. Ein Hund der ihr in den nächsten Monaten halt geben sollte.

Mit dem Einzug der Oma veränderte sich die ganze Atmosphäre im Haus. Sie wollte nach der Schule nicht mehr nach Hause kommen. 
Zu Hause, dass war plötzlich nicht mehr der Ort, an dem sie nach der Schule zur Ruhe kommen und ausgelassen spielen konnte. Es war zu einem Ort geworden, an dem sie das Gefühl hatte, immer darauf zu achten zu müsse, nix falsch zu machen, Ruhe zu bewahren, keine Hektik aufkommen zu lassen. Sie fühlte sich eingeengt. Konnte nicht mehr rumtoben, lachen, freudig-schreiend mit dem Hund durch den Hof rennen.

Von Woche zu Woche verschlimmerte sich die ganze Situation zu Hause.  Die Oma, die sie kannte, wurde immer mehr zu einem Mensch, der ihr fremd war. Sie blickte in die Augen vor ihr und es waren nicht mehr die Augen ihrer Oma. 
Wenn es nicht mehr ihre Oma war, wer war es dann? 
Ein Monster? 
Ja, ein schwarzes Monster! 
Ein Monster, dass in einem dunklen Loch wohnt.

Ab und zu verkroch sich das Monster zum schlafen in seinem Loch und sie hatte ihre Oma wieder. Doch das Monster wuchs und wuchs und brauchte immer weniger Schlaf.

Mit der Zeit wurde das Monster gefährlich und aggressiv. 
Sie hatte keine Angst vor dem Monster. Sie hasste das Monster. Sie hasste es von Tag zu Tag immer mehr.

Das Monster war nun ausgewachsen und kam mit immer weniger Schlaf aus.

Eines Tages brachten ihre Eltern das Monster weg. Sie meinten, man könne sich nicht mehr um das Monster kümmern. Könnte ihm nicht mehr dass geben, was es braucht - eine ruhige Umgebung, ständige Aufsicht und Betreuung. Aber sie würden das Monster immer besuchen können.

Das Monster besuchen??? 
Warum das? 
Es war doch gefährlich! 
Sie verstand nicht, warum ihre Eltern das Monster auch noch besuchen wollten! 
Oder sahen ihre Eltern womöglich gar nicht, dass dieses Monster gefährlich war???

Sie war froh, als das Monster aus ihrem Zuhause  auszog und an einem Ort kam, an dem man sich auch um andere  Monster kümmerte. Endlich fühlte sie sich wieder frei.

Ab und zu besuchte sie mit ihrer Mutter das Monster. Jedoch tat sie dies immer mit einem ungutem Gefühl.

Beim ersten Besuch, erforderte es ihren ganzen Mut, über die Türschwelle des Monsterheims zu treten.  
Vor einem einzelnen schwarzen Monster hatte sie keine Angst. Aber hier waren es viele. Monster in den unterschiedlichsten Farben - dunkelrot, dunkelblau, dunkelgrün.  Es gab keine hellen Monster (die ihr um einiges lieber gewesen wären).  Alle Monster hatten nur dunkle Farben.

Nach einem kurzen Gespräch, mit einem er MonsterDompteure, fanden sie das schwarze Monster im  Gemeinschaftsraum. Alle Monster agierten in einer Gruppe miteinander - unterhielten sich, spielten zusammen. Doch das schwarze Monster saß nur regungslos in der Ecke. Kein anderes Monster wollte etwas mit dem schwarzen Monster zu tun haben. Sie mieden es.

Ihre Mutter ging auf das schwarze Monster zu, unterhielt sich mit ihm, streichelte es. Doch sie hielt Abstand zum schwatzen Monster. Sie vertraute ihm einfach nicht.

So vergingen einige Besuche im Monsterheim. Bei jedem einzelnen Besuch wurden die vertrauten Monster weniger und neue Monster gesellten sich in die Gruppe. Neue Monster hatten hellere Farben, als Monster, die schon eine Weile hier lebten. Sehr lange hier lebende Monster, trugen verblasste Farben.

Irgendwann saß das Monster nicht mehr in seiner gewohnten Ecke im Gemeinschaftsraum, sondern lag nur noch in seinem Körbchen. An der Wand hingen Bilder ihrer Familie.  
Welches Recht nahmen sich die MonsterDompteure heraus, hier Fotos von ihrer Familie aufzuhängen??? 
Was sollte das??? 
Diese Fotos gehörten der Oma, nicht dem Monster!!!

Von Besuch zu Besuch verblasste die Farbe des Monsters. Jetzt, wo das Monster nur noch im Körbchen lag, verlor es viel schneller an Farbe.  
Doch eines Tages geschah etwas: das Monster zog sich zum schlafen zurück und ihre Oma kam zum Vorschein. 
Sie schaute der Person, die vor ihr lag,  noch einmal in die Augen ... und  … ja, es war ihre Oma! Nicht mehr das verblasste, schwarze Monster. 
Jedoch kam in ihr nicht das Verlangen auf, die Oma zu umarmen und sich zu freuen. Stattdessen schossen ihr Tränen in die Augen. Sie wollte nur noch raus. Raus aus diesem Monsterheim! Weg von diesen dunkelfarbigen Monstern, die immer mehr verblassten.

Es vergingen weitere Wochen und ein Anruf aus dem Monsterheim sollte einiges verändern.

Das Monster war tot!
Es raubte dem Körper, in dem es wohnte, immer mehr die Kraft. Bis der Körper nicht mehr konnte und aufgab.


An einem sonnigen Herbsttag sollte das Monster beerdigt werden. Sie wollte nicht auf diese Beerdigung. Bettelte und flehte ihre Mutter an, nicht mit hingehen zu müssen. Doch ihre Mutter blieb hart. Erklärte ihr, dass man dadurch der Oma Respekt und Anerkennung zukommen lasse. 
Was redete die Mutter da? 
Die Oma ist doch schon lange weg! 
Wenn sie jetzt zur Beerdigung ginge, dann würde sie sich doch von diesem schwarzen Monster verabschieden müssen, und nicht von der Oma.

Alles quengeln und betteln half nichts. Sie musste diesen Schritt gehen. Musste an der Beerdigung teilnehmen und das Monster verabschieden.

Auf dem Friedhof fanden sich Familienangehörige, Verwandte und Bekannte ein, um den letzten Schritt gemeinsam zu beschreiten. 
Sie beobachtete all diese weinenden Menschen und fühlte sich so einsam wie niemals zuvor in ihrem jungen Leben. Sie war eindeutig fehl am Platz.

Am Ende der Trauerstunde schritten die engsten Familienangehörigen an das Grab, um einige Rosenblätter  auf die Urne zu streuen und sich persönlich zu verabschieden. 

Als sie an der Reihe war, blickte sie in das Erdloch und sah eine Urne vor sich, die in den schönsten Regenbogenfarben schimmerte. Sie griff mit ihrer Kinderhand, in den Krug neben sich und zog eine, mit blutroten Rosenblättern, gefüllte Hand wieder heraus.
Beim Anblick, der auf die Urne schwebenden Blütenblättern, murmelte sie für alle hörbar:  Ruhe in Frieden Oma, doch im Geiste sagt sie: ich hasse dich, schwarzes Monster.


(basiert auf wahren Begebenheiten)

CONVERSATION

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Instagram

Instagram

Follow Us